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Kinder an der Tafel
SOZIALES
Presseaussendung vom 29.09.2016

Städtische Schulsozialarbeit setzt auf Früherkennung

Mehr als 700 SchülerInnen in Betreuung

Soziale Probleme haben Einfluss auf die Lernbereitschaft und die weiteren Berufs- und Lebenschancen jedes Einzelnen. Da Kinder und Jugendliche einen großen Teil ihrer Zeit in der Schule verbringen, ist das System Schule neben dem pädagogischen Auftrag auch mit vielen sozialen Herausforderungen konfrontiert. Um diese zu bewältigen und die Kinder und Jugendlichen in ihrem Heranwachsen zu unterstützen, wurde Sozialarbeit an Schulen als präventiver sozialer Dienst etabliert.

An Linzer Pflichtschulen wird Schulsozialarbeit im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe angeboten. Die SozialarbeiterInnen der Abteilung Jugendgesundheit und Schulsozialarbeit aus dem Geschäftsbereich Soziales, Jugend und Familie stehen als AnsprechpartnerInnen für SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen vor Ort bereit. „Ziel unserer Schulsozialarbeit ist, Problemsituationen möglichst früh zu erkennen und bei der Lösungsfindung professionell zu unterstützen“, sagt Sozialreferentin Stadträtin Karin Hörzing.

Aktuell werden zwei Drittel der öffentlichen Pflichtschulen in Linz von SchulsozialarbeiterInnen betreut. Konkret konnten im Schuljahr 2015/2016 mehr als 700 SchülerInnen und deren Umfeld vom niederschwelligen Angebot profitieren.

Steigende Nachfrage

Ziel der Schulsozialarbeit (SuSA) ist es, durch die regelmäßige Präsenz psychosoziale Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig geeignete Maßnahmen zur individuellen Förderung der sozialen Integration der Kinder und Jugendlichen in ihrem Umfeld zu setzen. Das passiert derzeit an zwei Drittel der 56 öffentlichen Pflichtschulen (36 Volksschulen, 15 Neue Mittelschulen, zwei Polytechnische Schulen, drei Sonderschulen) in Linz. Die Anfragen aus den nicht betreuten Schulen nehmen zu. Die SozialarbeiterInnen konnten hier in 24 Fällen zumindest durch Beratungen, Gespräche und Gefährdungseinschätzung unterstützend wirken.

Schuljahr 2015/2016: 724 SchülerInnen in Betreuung

Derzeit zählt der Bereich der städtischen Schulsozialarbeit zwölf MitarbeiterInnen, die zum Großteil teilzeitbeschäftigt sind. Im vergangenen Schuljahr 2015/2016 haben sie 724 der insgesamt 10.452 Linzer PflichtschülerInnen begleitet und betreut. Davon besuchten 287 eine Volksschule, 346 eine Neue Mittelschule, 22 gingen in ein Polytechnikum und 69 in eine Sonderschule. Vor allem Jungen – es waren 435 – nahmen das SuSA-Angebot in Anspruch.

In den meisten Fällen (288) dauerte die Betreuung weniger als zwei Monate. Um 274 Mädchen und Jungen nahmen sich die SozialarbeiterInnen länger an. 162 Kinder und Jugendliche wurden über sechs Monate hinaus betreut. Bei 27 Kids reichte das SuSA-Angebot nicht aus. Für sie wurden Erziehungshilfemaßnahmen organisiert.

Problemfelder der Schulsozialarbeit (SuSA)

Die Problemstellungen sind vielfältig. Sie reichen von Erziehungsüberforderung, Verhaltensauffälligkeiten der SchülerInnen, ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen, kulturellen und sprachlichen Integrationsproblemen, gesundheitlichen Problemen, familiären Konflikten und Krisen über Schicksalsschläge, Lernschwierigkeiten und Schulverweigerung bis hin zu Gewalt, Suchtmittelmissbrauch und Straffälligkeit.

Die Erziehungsüberforderung der Eltern, Lernschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten der SchülerInnen sind nach wie vor die brisantesten Themen. Die Problematik der ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse ist mit knapp 25 Prozent bei den SuSA-betreuten Fällen sehr hoch. Dementsprechend gab es viele Kontakte zu den Hilfsangeboten der Schuldenregulierungen. Hingegen war im Vergleich zum Vorjahr ein Rückgang in der Problematik betreffend Gewalt und Vernachlässigung der Kinder und Jugendlichen zu verzeichnen.

Es erfordert viel Zeit und Einfühlungsvermögen, das Vertrauen zu Eltern, LehrerInnen und SchülerInnen aufzubauen. Für eine erfolgreiche Betreuung sind MitarbeiterInnen im Einsatz, die einerseits gut ausgebildet sind, andererseits mit viel Empathie, Geduld, Zuversicht und Freude ihre Aufgabe wahrnehmen.

SuSA berät, begleitet, zeigt bestehende Ressourcen auf, nutzt diese und unterstützt damit effizient. Im Falle einer Gefährdung des Kindeswohls wird mit den MitarbeiterInnen der Sprengelsozialarbeit der Kinder- und Jugendhilfe kooperiert.

Für jede/n das passende Angebot

Zielgruppe für die Schulsozialarbeit sind SchülerInnen mit einem zusätzlichen Betreuungsbedarf, der im Rahmen der schulischen Förderung nicht abgedeckt werden kann. Darüber hinaus SchülerInnen, die innerhalb der Familie bei der Bewältigung der schulischen Aufgaben nicht ausreichend gefördert werden beziehungsweise SchülerInnen mit Integrationsproblemen. Auch Erziehungspersonen, die Beratung und Hilfe in der Pflege und Erziehung ihrer Kinder benötigen und PädagogInnen, die sich Sorgen um das Wohl einer/s SchülerIn machen, können Schulsozialarbeit in Anspruch nehmen.

Am häufigsten wird SuSA durch LehrerInnen beziehungsweise SchulleiterInnen kontaktiert. Im Schuljahr 2015/16 war dies 486 Mal der Fall. BetreuungslehrerInnen meldeten insgesamt 80 Mal Betreuungsbedarf. 43 Mal wandten sich Eltern(teile) und 33 Mal SchülerInnen direkt an die SozialarbeiterInnen.

Das Tätigkeitsfeld umfasst präventive, begleitende und aufsuchende Sozialarbeit sowie Krisenintervention. Gleichzeitig sind die SuSA-MitarbeiterInnen gut mit internen und externen Hilfsangeboten vernetzt.

„Die Schule ist ein wichtiger Lebensbereich für Kinder und Jugendliche. Heutzutage ist sie nicht mehr nur ein Ort des Wissenserwerbes, sondern übernimmt auch vermehrt erzieherische und persönlichkeitsbildende Aufgaben“, meint die Linzer Sozialreferentin Karin Hörzing.

Von SuSA profitieren alle Beteiligten: Die SchülerInnen können kommen, wenn sie Ärger zuhause, Probleme mit LehrerInnen, Streit mit KlassenkameradInnen haben oder sich von der Welt unverstanden fühlen. Auch für Eltern sind die SozialarbeiterInnen kompetente AnsprechpartnerInnen in Erziehungsfragen und sozialen Belangen. LehrerInnen und sonstige Beteiligte wenden sich an SuSA, um passende Lösungen für komplexe soziale Problemstellungen zu entwickeln. Im Detail sieht die Leistungspalette folgendermaßen aus:

Angebote für SchülerInnen und Eltern

• Beratung und Begleitung in schwierigen schulischen, persönlichen und familiären Situationen
• Erziehungsberatung
• Konfliktregelung
• Krisenintervention
• Vermittlung und Begleitung zu anderen sozialen Institutionen

Angebote für LehrerInnen

• Information über Angebote anderer Sozialeinrichtungen
• Durchführung oder Organisation von Präventionsprojekten in Klassen zu spezifischen Themen
• Teilnahme an Elternabenden, Schul- und Klassenforen
• Anwesenheit bei Elternsprechtagen

Das Beratungsangebot der Schulsozialarbeit wird übrigens auch außerhalb der Unterrichtszeiten und in den Ferien fortgeführt.

Erfolgsfaktoren

Schulsozialarbeit ist wirksam, wenn

• das Kind regelmäßig in die Schule kommt, einen positiven Schulabschluss schafft und berufliche Perspektiven entwickeln kann
• sich Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft eine Zukunft sehen und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen
• sich das Familiensystem stabilisiert, weniger Konflikte auftreten, die Familie sozial eingebettet und wirtschaftlich stabil ist
• die Familie neue Perspektiven entwickeln kann
• die Familie passende Hilfen annimmt
• psychische Belastungen abgefedert werden und
• der Kinderschutz gesichert ist

Beispiele aus der Praxis

Jonas besuchte die erste Klasse Volksschule. Bei der schulärztlichen Untersuchung fiel auf, dass der Junge schlecht sieht und dringend eine augenärztliche Abklärung braucht. Die Eltern waren für die Lehrerin und die Schulärztin nicht erreichbar. Die Schulsozialarbeiterin wurde eingebunden. Sie suchte die Familie zuhause auf. Die Mutter konnte kaum Deutsch und so wurde ein neuer Termin mit einem Dolmetscher organisiert. Mit Hilfe des Dolmetschers wurde eine soziale Anamnese gemacht.

Die fehlende Brille war nur ein Teil der sozialen Problemlage. Ein Optiker in Urfahr spendete nach Schilderung der Situation die dringend benötigte Brille. Da der Junge jetzt sein Handikap verloren hatte, wurde er auch sportbegeistert und verlor einiges an Gewicht. Er war plötzlich besser integriert und machte große Fortschritte im Lernen. Die Mutter fasste Vertrauen und bei einem weiteren Termin wurden die schwierigen finanziellen Verhältnisse besprochen, die Einnahmen den Ausgaben gegenübergestellt und der Schuldenstand erhoben. Die Sozialarbeiterin begleitete die Eltern zur Schuldnerhilfe, um einen Finanzierungsplan zu erstellen. Die Eltern schafften es, ihre finanzielle Situation in den Griff zu bekommen. Die Betreuung endete mit der 3. Klasse Volksschule. Jonas hat mittlerweile die Schule abgeschlossen und macht eine Lehre als Einzelhandelskaufmann.

Vera besuchte eine polytechnische Schule in Linz. Die Lehrerin meldete dem Schulsozialarbeiter ihr häufiges Fernbleiben. Ihre schulischen Leistungen waren schwach, sie wirkte uninteressiert und unaufmerksam. Da sie die Schulpflicht bereits beendet hatte, war von der Schule eine Abmeldung angedacht worden.

Der Schulsozialarbeiter suchte das Gespräch mit dem Mädchen, um die soziale und familiäre Situation abzuklären. Vera gab zu, dass sie die Schule nicht interessiere, da sie keinen NMS-Abschluss hatte und daher ohnedies keine Lehrstelle bekommen würde. Als Wunschberuf gab sie Kosmetikerin an. In weiterer Folge erfolgte ein Hausbesuch, um die Lebensumstände der Familie kennen zu lernen. Die Mutter war alleinerziehend, der Vater hatte die Familie verlassen und eine neue Familie gegründet. Er kümmerte sich wenig um seine Tochter. Es stellte sich heraus, dass Vera schon länger an depressiven Verstimmungen litt und einen Aufenthalt in der Jugendpsychiatrie abgebrochen hatte. Allein vom Hausarzt fühlte sie sich verstanden.

Mit der Schulleitung und den wichtigsten LehrerInnen wurde ein Plan zur Erhöhung der Erfolgserlebnisse erarbeitet. Die Betreuungslehrerin unterstützte bei der Aufbereitung des Lernstoffes, sodass in kleinen Portionen nachgelernt werden konnte. Die Mutter wurde beim Lernen mit einbezogen.

Mit der Zeit wurde klar, dass es möglich war, den versäumten Lernstoff nachzuholen. Vera kam wieder regelmäßig in die Schule. Sie wurde zunehmend kooperativer, aktiver und integrierte sich besser in den Klassenverband. Sie kam weiterhin zu regelmäßigen Gesprächen, an denen gelegentlich auch die Mutter teilnahm. Sie hatte am Ende zwei Nachprüfungen, die sie im Herbst erfolgreich bestand. Mit dem Austritt aus der Schule endete die Betreuung. Die Mutter berichtete schließlich, dass ihre Tochter eine Lehrstelle gefunden hatte.

(Informationsunterlage zur Pressekonferenz von Stadträtin Karin Hörzing über „Schulsozialarbeit“)

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